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Nationaler Aktionsplan Open Data: Bericht vom Meilenstein-Workshop

1. Februar 2015 – 13:31 | Kein Kommentar | 9.425 Aufrufe

Die Bundesregierung hat im Juni 2013 die Open Data Charta der G8 unterzeichnet und sich damit zu konkreten Handlungsschritten verpflichtet. Mit einiger Verspätung wurde nun ein Aktionsplan Open Data unter Federführung des BMI entworfen, der diese …

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Teil 2: Mehr Beteiligung realisieren durch digitale Medien und Internet – ePartizipation schafft gestaltende Zugänge für Jugendliche zur Demokratieentwicklung


Teil 2 des Gastbeitrages von Jürgen Ertelt (Teil 1 ist hier zu finden)

Stufen der ePartizipation

Nach eingehender Betrachtung bisheriger Versuche digitaler Jugendbeteiligung und auf Grundlage bisher diskutierter Beteiligungsmodelle sind graduelle Stufen einer angestrebten Partizipation unter Berücksichtigung neuer Internet basierter Optionen abzugrenzen:

  • Der schlechteste Fall: Jugendliche werden zur Dekoration von Ergebnissen, die andere ohne Einbeziehung der Betroffenen beschlossen haben, instrumentalisiert.
  • Man redet miteinander. Kommunikation ist zwar der Beginn des Mitredens aber noch nicht Partizipation.
  • Abfragen zu bereits entschiedenen Vorhaben. Die Alibi-Teilhabe dient eigentlich nur der Information über die Beschlusslage.
  • Öffentliche Repräsentation erduldeter bis vermeintlich zugestimmter Anliegen.

  • (Frustriertes) „hacken“ bzw. sog. „ddos“-Attacken (Blockaden von Serverzugängen) um Aufmerksamkeit für die eigene Kritik zu provozieren.
  • „clicktivisum“ und „slacktivism“ – durch (aufgefordertes) „gefällt mir“ anklicken, Zustimmung signalisieren und für massive virale (wie bei einem Virus) Verbreitung sorgen (besonders bei youtube-Videos festzustellen).
  • (Online-) Petitionen als ein „offizieller“ Weg, Themen an das Parlament zu adressieren.
  • Online massiv kommunizierte Kampagnen unterstützen als massenhafter Hinweis auf ungeklärte Anliegen (z.B. Aktionen von avaaz.org oder campact.de).
  • Konsultationen, die Standpunkte abfragen, aber keine Konsensfindung beinhalten. Hierzu gehören i.d.R. auch sog. Bürgerhaushalte, die allerdings meist Defizit bezogen sind und oft nur Alibi für unvermeidliche Streichlisten sind.
  • Unabhängige Microfinanzierungen für unabhängige (Jugend-)Projekte.
  • „crowdsourcing“ bzw. „crowdfunding“ nutzen den Schwarm als Meinungsbasis um gemeinsam nach Ideen und (Produkt-)Lösungen zu suchen. Damit gute Ideen Wirklichkeit werden können, werden Interessierte als finanzierende (teilhabende) Partner für die Umsetzung eingeladen.
  • Wahlen als untrennbarer Bestandteil der Demokratie. Wahlen ab 16 holen Jugendliche im aktiven Alter ab.
  • Transparent kommunizierte Teilnahme bis Teilhabe auf verschiedenen Ebenen der Entscheidungsfindung.
  • Zugesicherte Mitwirkung unter Übernahme von Entscheidungsverantwortung.
  • Verbriefte Mitbestimmung (im gewerkschaftlichen Sinne) als Teil des demokratischen Prozesses.
  • Direktere Demokratie (sofern sie mehrheitlich gewollt wird) durch Bürgervoten und Volksentscheiden.
  • „liquid democracy„ als in Software (z.B. adhocracy.de) abgebildetes „basisdemokratisches“ Politikmodell ermöglicht flexible, Themen bezogene Verfahren der Meinungs- und Mehrheitsfindung
  • …leider lange nichts…
  • Persönliches Empowerment als Ergebnis von strukturellen Prozessen der Beteiligung und der politischen Bildung. Hier wird politisches Engagement weiter entwickelt.

Bei der Anlage gestufter Beteiligungsverfahren darf man die einzulösenden staatsbürgerlichen Ziele hin zur anzustrebenden, Gesellschaft tragenden Partizipation nicht aus dem Blick verlieren:

  • Wissen bilden
  • Meinung bilden
  • gesellschaftliches (politisches) Engagement fördern
  • selbständig denkende, freie Bürger stärken
  •  informiert verantwortungsvoll entscheiden können
  • Verantwortung übernehmen

Bedingungen für gelingende ePartizipation

Damit Partizipationsprozesse greifen können, sind besonders hinsichtlich Online-Verfahren Aspekte für einen erhofften qualitativen Erfolg zu sondieren. Die ersten Analysen bisheriger Maßnahmen lassen bereits einige Bedingungen für gelingende ePartizipation erkennen, die wir gemeinsam weiter herausarbeiten müssen:

  • Erstens: Es gibt etwas zu entscheiden!
  • Ein Lebensweltbezug zu den Adressaten ist gegeben.
  • Ein lokaler (kommunaler) Bezug ist abzuleiten.
  • Die Fragestellungen sind thematisch eindeutig.
  • Grundlegende Informationen sind erreichbar und verständlich in barrierefreier Sprache visualisiert.
  • Es gibt eine Transparenz des Verfahrens und eine leicht erreichbare, verständliche Dokumentation des Prozesses.
  • Vertrauen muss aufgebaut werden.
  • Die Spielregeln der Beteiligung sind eindeutig und verbindlich, Regeln für die Kommunikation sind vereinbart.
  • Eine Wirksamkeit der Maßnahme ist gegeben, es passiert konkret etwas im verabredeten Rahmen.
  • Es macht Spaß 🙂

Das Besondere der „e“ – Partizipation

Es können erste Argumente, die für die Bevorzugung von Online-Partizipationsverfahren sprechen, gelistet werden:

  • Die Kommunikationsebenen der adressierten Jugendlichen werden bedient.
  • Das „social web“ kann genutzt werden für ansteckende „virale“ Information und Motivation. Potentiell können Viele erreicht werden.
  • Mobile, Handy gestützte Melde- oder Initiativsysteme sind nah am zur Partizipation Eingeladenen.
  • Zeit und Ort des Mitmachens kann aufgelöst werden.
  • Inhalte können aus verschiedenen Quellen verbunden, nach Schlagworten sortiert („getaggt“), georeferenziert über Karten zur Navigation aufbereitet werden.
  • Die digitale Abbildung erleichtert Transparenz des Verfahrens und nachhaltige Dokumentation.
  • Die Kosten der Beteiligung können optimiert werden.

Software-Tools – Werkzeuge für Partizipation

Derzeit gibt es nur eine überschaubare Anzahl verschiedener Anwendungen zur online-Bürgerbeteiligung, allerdings entwickelt sich der Markt für open government – Anwendungen gerade im Bereich sog. Bürgerhaushalte und anderer Konsultationsverfahren rasant.

Die Anforderungen an Beteiligungssoftware sind vielfältig: Sie soll einen einfachen Zugang für viele Teilnehmende zum Mitmachen gewährleisten und dabei große Mengen Meinungsäußerungen zur Moderationsunterstützung intelligent clustern,  zuordnen und sortiert halten. Sie soll Durchsicht in den Prozess schaffen und unterschiedliche Interessenbekundungen messen und managen. Das Verfahren und die Inhalte sollen nachvollziehbar dokumentiert bleiben.

Voraussetzung zur reflektierten Nutzung von Partizipationsofferten sind valide Informationen zur Meinungsbildung. Der Zugriff auf öffentlich finanzierte und öffentlich einsehbare Daten um sie als „open data“ neu zu interpretieren und durch Visualisierungen zu verstehbaren Informationen zu machen, sind ein Rückgrat valider Partizipation und eine Herausforderung für kreative Programmierer.

Qualitative (sortierte, redaktionell geprüfte)  Jugendinformation ist wiederum eine Grundlage speziell für Jugendbeteiligung, – eine anhaltende Aufgabenstellung für die Jugendarbeit besonders in Zeiten aggregierter News aus Contentfarmen und personalisierter Filter bei facebook bis google.

Betreute Datenbanken werden zu qualifizierenden Entscheidungsgrundlagen,- eigentlich eine Aufgabe für den Journalismus, der leider oft weiterhin in alten Geschäftsmodellen und Verbreitungswegen verhaftet ist.

Fakt bleibt: Software funktioniert nur als Beteiligungsinstrument wenn der politische Wille zur Beteiligung und damit verbundener Wirkung da ist, sonst bleibt es schlicht Kommunikation ohne Konsequenzen: Man hat nur drüber gesprochen.

Programmieren lernen ist eine Voraussetzung um auch in Zukunft Werkzeuge für Partizipation verfügbar machen zu können,- eine notwendige Bildungsoffensive jenseits von „Computerkursen“ muss auch hier gestartet werden. Dabei ist es wichtig, Code zur Weiterentwicklung offen zu legen und frei verfügbar zu machen um weiterhin ein verbessertes Betriebssystem für Demokratie bereitstellen zu können.

Damit Nutzerinnen und Nutzer nicht in Abhängigkeiten von kommerziellen Datenfängern verhaftet bleiben, brauchen wir tragfähige Konzepte für attraktive öffentlich rechtliche Netze, in denen ePartizipationsverfahren strukturell angelegt sind.

Geschichte wird gemacht – hier und jetzt

Die Protagonisten der gesellschaftlichen Erneuerung haben erste Erkenntnisse und weitere Fragen in eine fortwährende Diskussion um Beteiligung zu nehmen:

Welche (Medien)Kompetenzen können gewonnen werden? Ist ePartizipation an sich schon ein Bildungsprozess? Braucht ePartizipation eine gewichtete physische Komponente / Präsenz? Lässt sich Partizipation delegieren? Wieviel Zeit bindet ePartizipation? Sind „Zeitreiche“ bevorteilt? Sind Partizipations-Offerten nur noch als ePartizipation-Verfahren sinnvoll?

ePartizipation kann zu einem Inkubator für mehr Demokratie werden. Allerdings: „sich beteiligen“ müssen wir alle noch weiter lernen!

Lassen Sie uns gemeinsam helfen, eine Beteiligungskultur aufzubauen und zu gestalten.

Partizipation als Prinzip muss selbstverständlich werden!

Wir fangen jetzt und hier damit an und sollten selber dazu die Vernetzungsmöglichkeiten des „social web“ nutzen.

Danke für Ihre Beteiligung!

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Jürgen Ertelt

*1957, Sozial- und Medienpädagoge, arbeitet als Koordinator im Projekt „youthpart – Jugendbeteiligung in der digitalen Gesellschaft“ bei IJAB e.V., Fachstelle für internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland, in Bonn.

Dort ist er u.a. für die Modellentwicklung von Partizipationsmöglichkeiten mittels Internetangebote verantwortlich. Dabei stehen Beteiligungsmöglichkeiten Jugendlicher in zu entwickelnden open government – Angeboten im Fokus.

Als Webarchitekt realisiert er Konzepte für die pädagogische Arbeit mit vernetzten digitalen Medien.

Jürgen Ertelt ist seit mehr als 30 Jahren medienpädagogisch aktiv. Politisch engagiert er sich zu Herausforderungen des Internet mit Blick auf Demokratie, Staat und Gesellschaft.

www.twitter.com/ertelt
www.facebook.com/ertelt
www.youthpart.info
www.youthpart.de
www.youthpart.euwww.ijab.de
Facebookgruppe “ePartizipation”

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Dieses Werk bzw. dieser Inhalt von Jürgen Ertelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.

Grafiken: cc-by Gabriele Heinzel graphic recording

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Eingereicht von auf 14. Januar 2013Ein Kommentar | 11.368 Aufrufe

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