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Nationaler Aktionsplan Open Data: Bericht vom Meilenstein-Workshop

1. Februar 2015 – 13:31 | Kein Kommentar | 12.365 Aufrufe

Die Bundesregierung hat im Juni 2013 die Open Data Charta der G8 unterzeichnet und sich damit zu konkreten Handlungsschritten verpflichtet. Mit einiger Verspätung wurde nun ein Aktionsplan Open Data unter Federführung des BMI entworfen, der diese …

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Open Data – vielleicht schon näher, als man denkt?


Manchmal steht man schon kurz vor dem Ziel und weiß es vielleicht gar nicht. Wenn über Open Data gesprochen wird, geht es meistens um Kosten, Verantwortung, Lizenzen, fälschlicherweise um Datenschutz oder Sicherheit, um die Fragen „was sind Rohdaten“, „was heißt diskriminierungsfrei“ oder „maschinenlesbar“. Man kann trefflich lange Diskussionen darüber führen, theoretische Erwägung anstellen und grundsätzliche Klärungen und strategische Konzepte fordern. Man kann sich aber auch einfach mal mit praktischen Beispielen beschäftigen, die vieles verständlicher und klarer machen können. Und – ups… vielleicht stellt man ja sogar fest, dass wir an manchen Stellen „Open Data“ schon sehr nah sind.

NRW hat seit ein paar Monaten ein paar richtungsweisende Passagen zu „Open Government“ in der Koalitionsvereinbarung von SPD und Grünen, die damit also Regierungsprogramm sind (Seite 81 „Neues Regieren in NRW“). Da bis jetzt in diesem Punkt keine konkreten Umsetzungsschritte nach Außen erkennbar sind, habe ich mir einmal die Ausgangssituation zu Open Data in NRW angesehen und bin im Bereich Umweltdaten auf ganz Erstaunliches gestoßen.

Das Angebot „NRW Umweltdaten vor Ort“ bietet eine Vielzahl von Daten zu Gewässer- und Luftqualität oder zu Wasserständen, Wassertemperaturen, Niederschlagsdaten und mehr.

Ich habe das Angebot einmal gegen die Open Data Kriterien gelegt.

1. Vollständigkeit

Das lässt sich natürlich von Außen schwer beurteilen, weil man erst einmal wissen müsste, was grundsätzlich zur Verfügung steht. Verfolgt man aber einen pragmatischen Ansatz, dürfte klar sein, dass „vollständiges“ Open Data nicht der erste Schritt sein kann, sondern eher ein Fernziel ist.

Hier nur ein Ausschnitt der Datenangebote von „NRW Umwelt vor Ort“

Auch wenn es nicht „vollständig“ sein mag, ich finde es auf jeden Fall schon mal „beeindruckend umfangreich“. Ich würde mal sagen, Kriterium erfüllt.

2. Primärdaten

Auf dem Portal finden sich die konkreten, feingranularen Messwerte einer Vielzahl von Messstationen. Die Messstationen sind ebenso beschrieben wie die Messwerte der Stationen selber. Die „Open Meta Data“ liegen also vor, die Daten kommen unmittelbar aus der Quelle. Diese Primär-(Roh-)daten sind nicht aggregiert oder modifiziert. Meistens gibt es zusätzlich noch eine Interpretation oder Bewertung, zum Beispiel ein Ampelkennzeichen, ob ein bestimmter Wert im Normbereich liegt.

Beispiel: Gewässergüte Rhein
Messstation: Bad Honnef

Das Kriterium „Primärdaten“ halte ich hier für gut erfüllt.

3. Zeitnah

Unterschiedlich nach Datensatz und Messstation. Bei Stichproben der Datensätze zu „Luftimmissionen“ habe ich Daten gefunden, die keine 60 Minuten alt waren. Und das an einem Sonntag 😉

Kriterium erfüllt.

4. Zugänglich

Die Daten stehen zwar auf öffentlichen Webseiten zur Verfügung, werden allerdings in der Regel nur in Form von HTML-Tabellen präsentiert. Auch wenn sie also grundsätzlich zugänglich sind,(ich habe nicht überprüft, ob die Seiten gegen den Einsatz von Robots geschützt sind), es fehlen Export- oder Download-Funktionen für die Daten.

Kriterium nur ansatzweise erfüllt.

5. Maschinenlesbar

Die Daten auf „NRW Umweltdaten vor Ort“ liegen nicht innerhalb von Bilddateien oder PDFs vor. Sie sind strukturiert, die Struktur und die Semantik der Daten sind beschrieben – wenn auch nicht immer sofort aufzufinden, manchmal braucht es noch ein paar Klicks dorthin. Der Aufwand, die Daten aus den HTML-Tabellen zu lesen ist natürlich deutlich höher, als wenn die Daten z.B. über XML oder CVS Dateien angeboten würden.

Kriterium teilweise erfüllt.

6. Nicht diskriminierend

Ich bin in dem Angebot „NRW Umweltdaten vor Ort“ auf keine Registrierungsprozeduren oder Anmeldeformulare gestoßen. Alle Daten stehen ohne Hürde zur Verfügung.

Kriterium erfüllt.

7. Nicht proprietär

nun ja, siehe 4. und 5., weil die Daten nur in HTML-Text-Tabellen vorliegen, sind sie auch nicht proprietär. Dieses Kriterium kann man erst dann wirklich sinnvoll anwenden, wenn Datensätze zum Export oder Download angeboten werden.

Kriterium nicht bewertbar.

8. Lizenzfrei

Hier findet sich nur etwas Allgemeines im Impressum:

Für das vorliegende Angebot ist das sicherlich erst einmal ausreichend, bezieht sich allerdings ausdrücklich nur auf „Anzeige“ oder „Ausdruck“ der Daten für den „Privatgebrauch“. Sobald „Download“ dazu käme, musste man dies erweitern, und unter anderem auch den Begriff „Privatgebrauch“ präzisieren, wenn jemand auf Basis der Daten – auch nichtkommerzielle – Apps entwickeln oder sie für Mashups nutzen möchte.

Hilfreich und eine einfache Lösung wäre hier sicher eine Lizenz analog zur Open Government Licence für Public Sector Information, die ich ja schon an anderer Stelle diskutiert habe.

Lizenzfrei ist das Angebot gegenwärtig also nicht und in Bezug auf neue Nutzungsarten bei der Bereitstellung von Export- oder Download-Funktionalität in einem undefinierten Zustand. Eine völlige Lizenzfreiheit – ohne Mindestregelungen, wie sie z.B. die UK OpenGov Licence vorsieht – halte ich allerdings ohnehin für eine Utopie.

Kriterium nicht erfüllt (für die Nutzung noch nicht vorhandener Download-Angebote).

9. Nachhaltig

Auch dies ist ein Open Data Kriterium, dessen Erfüllung sich erst mit einer gewissen Beobachtungsdauer bewerten lässt. Nach meinem Eindruck besteht das Angebot schon etwas länger, es gibt Datenreihen über einige Jahre hinweg und keine Anzeichen, dass Datensätze nach anfänglichem Angebot wieder zurückgezogen wurden.

Kriterium erfüllt.

10. Kostenfrei

Nirgendwo im Angebot „NRW Umweltdaten vor Ort“ bin ich auf Gebühren oder andere Kosten gestoßen. Allerdings lässt der Genehmigungsvorbehalt für die kommerzielle Nutzung im Impressum natürlich eine Tür für die kostenpflichtige Abgabe von Daten offen.

Kriterium aktuell erfüllt.

Fazit:

Wenn auch noch nicht am Ziel, das Angebot des Umweltministeriums NRW ist schon ganz schön nah dran an Open Data.

Der Begriff „Open Data“ oder „Open Government“ taucht aber im gesamten Angebot nirgendwo auf. Dies ist für mich wieder eine Bestätigung der These, dass wir mit Open Data in Deutschland an vielen Stellen schon weiter sind, als es scheint – wir merken es vielleicht gar nicht und machen im Gegensatz zu den angelsächsischen Verwaltungen einfach ein schlechteres (oder vielleicht bescheideneres) Marketing dazu. Das Angebot des Umweltministeriums NRW wäre in den Portalen Data.gov oder Data.gov.uk längst prominent beworben worden – vollständige Erfüllung der Kriterien hin oder her, das sieht man da nämlich nicht sonderlich eng.

Mit wenigen Maßnahmen könnte sich das Umweltministerium NRW meiner Meinung nach schnell zu einem Open Data Vorreiter entwickeln:

  • Zusammenstellung der verstreuten Meta Daten in einen konsolidierten Gesamtkatalog der zur Verfügung stehenden Open Data.
  • Aufbereitung und Angebot aller vorhandenen Daten neben der Präsentation als HTML-Tabelle auch in anderen, nicht proprietären Formaten, z.B. CSV oder XML, zum Export oder Download.
  • Adaption und Veröffentlichung einer NRW Open Government Licence for Public Sector Information (na gut, von mir aus auch auf Deutsch: NRW Lizenz für Offene Verwaltungsdaten, oder so ähnlich)

Hier liegt ein „Quick Win“ für NRW, mit wenig Zusatzaufwand und in kurzer Zeit zu einem weit beachteten ersten Erfolg in der Umsetzung eines Vorhabens aus der Koalitionsvereinbarung in einer Pilotbehörde zu kommen.

Eingereicht von auf 28. November 20102 Kommentare | 7.359 Aufrufe

2 Kommentare »

  • KhPape sagt:

    Danke für Deinen ermutigenden und gut recherchierten Beitrag. Schön zu sehen, dass der Schritt zu Open Data offenbar gar nicht so groß ist.
    Sorgen macht mir aber die Verwertungs-Lizensierung, die ja jetzt nur privat getattet ist, und sonst möglicherweise kostenpflichtig gemacht wird. Wir Steuerzahler haben die Erhebung dieser Daten schon bezahlt. Es gibt aus meiner Sicht überhaupt keinen Grund, dass die noch einmal bezahlt werden müssen. Die sollten der Allgemeinheit kostenfrei zur Verfügung stehen – egal ob sie privat oder gewerblich genutzt werden. Warum sollte eine Zeitung oder ein anderes Unternehmen dafür noch einmal bezahlen? Behörden haben auch nicht den Auftrag, ihre Leistungen zu vermarkten.

  • Sebastian sagt:

    Hallo Thomas,

    Umweltdaten sind in der Tat durch die Bestimmungen des Umweltinformationsgesetzes bereits „offene Daten“. Genauso lohnt es sich, bei Open Government bei den bestehenden Regelungen des Informationsfreiheitsgesetzes (§ 11, Abs. 3 IFG) anzusetzen… Das Rad neu erfinden muss man also nicht immer, um den Staat internetfähig zu machen.

    Danke für den tollen Artikel,
    Sebastian

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