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Nationaler Aktionsplan Open Data: Bericht vom Meilenstein-Workshop

1. Februar 2015 – 13:31 | Kein Kommentar | 12.365 Aufrufe

Die Bundesregierung hat im Juni 2013 die Open Data Charta der G8 unterzeichnet und sich damit zu konkreten Handlungsschritten verpflichtet. Mit einiger Verspätung wurde nun ein Aktionsplan Open Data unter Federführung des BMI entworfen, der diese …

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Mehr Beteiligung realisieren durch digitale Medien und Internet – ePartizipation schafft gestaltende Zugänge für Jugendliche zur Demokratieentwicklung


Teil 1 des Gastbeitrages von Jürgen Ertelt (Teil 2 erscheint am 14. Januar 2013)

ePartizipation mit Jugendlichen

Das Buzz-Wort „Partizipation“ ist derzeit in Ablösung des „Medienkompetenz“-Hypes die bevorzugte Verlegenheitsvokabel analog sozialisierter Volksvertreter, wenn der gesellschaftliche Umbruch durch Möglichkeiten des Internets und der digitalen Medien eine handhabbare politische Beschreibung braucht. Wie können die vermuteten Mehrwerte digitaler Vernetzung gehoben werden um tatsächlich gesellschaftliche Partizipation zu realisieren? Lässt sich die Schwarm-Kommunikation des sog. Web 2.0 im kritisch zu betrachtenden, aber dennoch quantitativ erfolgreichem Facebook einfangen für mehr politische Beteiligung Jugendlicher?

Wie schaffen wir es, den „gefällt mir“- Button zu einer Handlung im anfassbaren Leben zu transferieren?

Diese Fragen gehören zu den zu bearbeitenden Aufgaben des vom Bundesjugendministerium im Rahmen des Dialog Internet geförderten multilateralen Projekts youthpart, das Möglichkeiten von Beteiligung Jugendlicher in der digitalen Gesellschaft im internationalen Austausch eruieren soll. Es steht im Vordergrund, die zu entdeckenden Möglichkeiten online umgesetzter Beteiligungsebenen zu Verfahren einer ePartizipation zu definieren. Dabei ist Pionierarbeit zu leisten, – es gibt in Bezug auf Jugendliche bisher nur wenige ernsthaft angegangene Versuche, Partizipationsprozesse online zu elektrifizieren.

Wer sich mitteilen kann, möchte gehört werden

Die kommunizierenden Online-Gebilde in sog. „social networks“ können eine offline funktionierende, Menschen -auch physisch- verbindende Organisation von Interessen realisieren und motivierende Solidarität anstecken. Wir haben das mit Beifall beobachten können während der nordafrikanischen Revolutionen in Ägypten und Tunesien. Die Mobilisierung durch vernetzte digitale Medien plus die Rückkopplung zu klassischen Medien wie zum TV-Sender „Al Jazeera“ hat eine kraftvolle, neue Erfahrung der Sichtbarkeit der bisher Unerhörten entfaltet.

Agieren diese neuen Phänomene im eigenen Land, bleibt der Applaus i.d.R. aus. Außergewöhnlich ist die scheinbar fehlende Struktur bei den Netz-Teilnehmenden, die z.B. unter der Bezeichnung „Anonymous“ nicht mehr auf eine gesonderte Einladung zur kritischen Beteiligung warten wollen und einen bemerkenswert frischen und frechen Aktionismus, der nicht immer konstruktiv angelegt ist, hervorbringen. Hier finden wir besonders junge netzaktive Menschen, die massenhaft „gefällt mir“ klicken und auch um das Aufsehen von Facebook-Partys wissen. Die vernetzt Kommunizierenden teilen sich und anderen Öffentlichkeiten -wie in einem Schwarm- in unterschiedlichen medialen Ausdruckformen ihre inhaltlichen Positionen mit.

Das sog. social web bringt Hierarchien, Macht bedrohende Ängste vor Kontrollverlust. Dieser Verlust der kontrollierbaren Kommunikationsentfaltung findet tatsächlich aufgrund der neuen verzweigten und multiplizierenden Kommunikationswege statt und wirkt Realität verändernd auf die Strukturen von Institutionen und Verfahren.

Die Herausforderung ist es hier und heute, die Potenziale des Internet konstruktiv aufzunehmen und als Chance der gesellschaftlichen Evolution zu begreifen. Erstmals ist es möglich, „Jedermann“ online zu adressieren und um seine Anliegen zu bitten. Kontrolle verschiebt sich zu öffentlichen Mehrheiten, Macht definiert sich durch öffentliche Legitimation.

Die Jugend soll beteiligt werden

Wir  sollten uns vergewissern, dass wir von der gleichen Partizipation reden wenn wir miteinander über Beteiligung diskutieren. Nicht überall wo Teilhabe draufsteht, ist sie ernsthaft erwünscht. Und: nicht jeder „shitstorm“ (massenhaft auftretende Protest-Kurznachrichten) bei Twitter bedeutet, Einfluss genommen zu haben. Verschiedene Stufen der Beteiligung sind zu differenzieren und in ihrem Nährwert für die Demokratieentwicklung zu hinterfragen. Wir müssen darauf achten, dass „kleine“ Beteiligungsaktionen nicht die Notwendigkeit demokratisch legitimierter, existentieller (Bürger-) Entscheidungen verdecken.

Es gilt pädagogische, methodische, mediale und politische Partizipationsmöglichkeiten zu unterscheiden und von Öffentlichkeit erzeugendem Marketing abzugrenzen. Gerade „partizipative“ Methoden sind nicht gleichzusetzen mit Anliegen bezogenen Verfahren der Partizipation: Ein „Flashmob“, eine Umfrage oder der „Runde Tisch“ sind noch kein Garant für wirksame Beteiligung, sondern erstmal nur gestartete Kommunikation.

Ein paar Beispiele zu unterschiedlichen Versuchen, Beteiligung online zu realisieren, können uns den Blick auf die konzeptionelle Unterschiedlichkeit von Beteiligungsmaßnahmen öffnen:

Die Fastfood-Restaurants der Marke McDonalds starteten eine Werbekampagne, in der Burger-Interessierte online aufgefordert wurden, eigene Hamburger zu kreieren. Die Aufforderung war einfach, clever und glaubwürdig: „Baue deinen Burger“ > „Beteilige dich am Wettbewerb“ > „Du wirst berühmt“. Diesen drei niederschwelligen Schritten einer „Burger-Beteiligung“ folgten Maßnahmen; Burger mit viel Zustimmung wurden produziert und zum Kauf angeboten. Nach diesem Testverfahren wurde ein Gewinner für die weitere Umsetzung ermittelt und belohnt. Dieser Marketing-Kampagne gelang eine Konsumenten-Beteiligung, die bei anderen Verfahren leider oft keinen Abschluss findet: Vorschläge wurden realisiert (man konnte entworfene Burger tatsächlich essen) und es wurde somit eine (werbende) Wirksamkeit der Teilhabe erfüllt.

Meist fehlt es nur an etwas Geld um Beteiligung Jugendlicher auf den Weg zu bringen. Das Erfurter Projekt Ladebalken.info konnte so in einem cleveren ,McDonalds (s.o.) ähnlichen 3 Schritt-Verfahren junge Menschen in der Stadtentwicklung über Micro-Finanzierungen beteiligen. Einen vergleichbaren Weg geht das Projekt peerhochdrei.de, das medienpädagogische peer to peer Projekte mit finanziellen und inhaltlichen Mitteln nach einem Wettbewerb unterstützt. Die youthbank.de versteht sich als ständiges Bank-Angebot um Ideen Jugendlicher mit einer Finanzierung zu unterstützen.

Eine Verknüpfung von online-Angeboten und face-to-face Treffen realisiert in einer vorbildlichen Trägerschaft von Stadtjugendamt, Bezirksjugendring und Medienzentrum (Parabol.de) das Beteiligungsangebot laut-Nuernberg.de Online thematisierte Anliegen werden multimedial aufbereitet im Web eingesammelt und abgelegt. Die regelmäßigen physischen Treffen, die als Party-Event gestaltet sind, greifen den Online-Input auf, diskutieren ihn fort und spielen ihn erweitert um neue Statements wieder ins Web zurück. Da die Stadtverwaltung Mitveranstalter ist, sind die Wege zur Vorlage von Forderungen der jugendlichen Teilnehmenden an die Politik kürzer.

Der Arbeitsbereich „jung bewegt“ der Bertelsmann-Stiftung plant eine Reihe von Bundesländer bezogenen Online-Beteiligungsinitiativen für Jugendliche. In Rheinland Pfalz startet der Pilot als Kooperation mit der Staatskanzlei unter jugendforum.rlp.de Unterstützend wirken u.a. auch die Landesschülervertretung und der medienpädagogische Dienstleister „Medien + Bildung“ mit. Ein großes Team jugendlicher Moderatoren begleitet die Online-Themenfindung und Diskussion. Es wird auf eine Offline-Jugendkonferenz und eine Übergabe von Ideen und Wünschen an die Landesregierung hingearbeitet. Eine speziell angepasste Konsultationssoftware, die mit social media – Schnittstellen auch nach facebook rückkoppelt, unterstützt das Moderationsteam durch automatisiertes Clustern und Priorisieren der Eingaben. Das „Jugendforum“ wird nach erfolgter Evaluation wichtige Hinweise geben können, wie innerhalb großer politischer Flächen in hohem Aufkommen durch ePartizipationsverfahren Meinung abgebildet werden kann.

Einen konsequenten Weg der Verknüpfung von offline-Zusammenkünften und online-Bewertungen geht der DBJR.de in dem ihm beauftragten Strukturierter-Dialog.de als Teil der EU—Jugendstrategie und im Angebot ichmache-Politik.de, das Bestandteil der Entwicklung einer eigenständigen nationalen Jugendpolitik ist. Die verwendete Konsultationssoftware „ePartool“ unterstützt einen anspruchsvollen analogen Moderationsprozess, der im Hintergrund stattfindet.

Einen völlig anderen, sprichwörtlich wegweisenden Zugang zur digitalen Partizipation nimmt das Jugendamt der Stadt Wiesbaden im Rahmen von wiandyou.de, in dem gemeinsam mit Jugendlichen ihre Plätze, Interessen und Vorschläge kartografiert werden. Mit Smartphones und GPS-Geräten werden Stadtbegehungen initiiert, deren multimediale Dokumentation online Anlass für Kommentare und Wünsche wird.

Die Idee einer flüssigen, Hierarchie freien Demokratie wird durch das Politikmodell liquid democracy beschrieben. Die Übersetzung dieser Idee in Meinungen und Mehrheiten abbildender Software wird in unterschiedlichen Varianten mit verschiedenen Umsetzungsmerkmalen experimentiert. Durch mediale Nennung ist wohl das von der Piratenpartei benutzte liquidfeedback.org namentlich sehr bekannt. Vielfältig eingesetzt und politisch unabhängig weiterentwickelt wird adhocracy.de. Mittlerweile probieren fast alle Parteien Software-Möglichkeiten aus um durch Abfederung in ihrer Basis besser repräsentativ Entscheidungen treffen zu können und Themen statt Koalitionen zu bearbeiten. Es überrascht, wie schnell nunmehr z.B. die CSU die „Demokratie 2.0“ ausruft und die FDP ihrerseits ein alternatives Mitglieder-Beteiligungswerkzeug  „new democracy“ anbietet. Der Verein liqd.net bietet mit offenekommune.de eine kostenfreie Möglichkeit um Bürger kommunal bei Ratsentscheidungen online einzubinden. Darauf fußend wird in Kooperation mit youthpart speziell für jugendliche Anliegen unter ypart.eu ein Adhocracy-Server aufgesetzt, der bundesweit Verbänden, Initiativen, Projekten und regionalen Gliederungen Instanzen für· eine verbesserte Standpunktfindung verfügbar macht.
Im zweiten Teil des Gastbeitrages geht es um die Stufen der Partizipation, die Bedingungen für gelingende ePartizipation, die Besonderheit der „e“-Partizipation und Software-Tools als Werkzeuge der Partizipation. Veröffentlichung am 14. Januar 2013. 

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Jürgen Ertelt

*1957, Sozial- und Medienpädagoge, arbeitet als Koordinator im Projekt „youthpart – Jugendbeteiligung in der digitalen Gesellschaft“ bei IJAB e.V., Fachstelle für internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland, in Bonn.

Dort ist er u.a. für die Modellentwicklung von Partizipationsmöglichkeiten mittels Internetangebote verantwortlich. Dabei stehen Beteiligungsmöglichkeiten Jugendlicher in zu entwickelnden open government – Angeboten im Fokus.

Als Webarchitekt realisiert er Konzepte für die pädagogische Arbeit mit vernetzten digitalen Medien.

Jürgen Ertelt ist seit mehr als 30 Jahren medienpädagogisch aktiv. Politisch engagiert er sich zu Herausforderungen des Internet mit Blick auf Demokratie, Staat und Gesellschaft.

www.twitter.com/ertelt
www.facebook.com/ertelt
www.youthpart.info
www.youthpart.de
www.youthpart.euwww.ijab.de
Facebookgruppe “ePartizipation”

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Dieses Werk bzw. dieser Inhalt von Jürgen Ertelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.

Grafiken: cc-by Gabriele Heinzel graphic recording

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Eingereicht von auf 7. Januar 2013Kein Kommentar | 15.694 Aufrufe

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