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Nationaler Aktionsplan Open Data: Bericht vom Meilenstein-Workshop

1. Februar 2015 – 13:31 | Kein Kommentar | 12.370 Aufrufe

Die Bundesregierung hat im Juni 2013 die Open Data Charta der G8 unterzeichnet und sich damit zu konkreten Handlungsschritten verpflichtet. Mit einiger Verspätung wurde nun ein Aktionsplan Open Data unter Federführung des BMI entworfen, der diese …

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Da sind sie wieder, die Schnarchdaten…


 

 

Hundedaten_GovdataDer Autor, Claus Arndt , leitet bei der Stadt Moers den Fachdienst Zentrale Dienste und ist u.a. zuständig für den Web-Auftritt, Social Media und das Open Data-Portal der Stadt.

Am 27. Mai 2013 veröffentlichte die Open Knowledge Foundation Deutschland (OKFN) eine umfassende Kritik an dem Datenportal für Deutschland, govdata.de.

Erneut wird die Ausgestaltung der Lizenzen des Bundesministerium des Innern (BMI) sehr kritisch in den Blick genommen – eine Lizenz-Diskussion für juristische Feinschmecker. Der Streit um die Lizenzen bleibt ein spannendes Thema, bei dem man sich eine klare Ansage des BMI wünschte, die sinnvollerweise auch das Spannungsfeld zwischen der zivilrechtlichen Perspektive und einem öffentlich-rechtlichen Verständnis der Open Data-Aktivitäten in den Blick nehmen sollte, das Sönke E. Schulz in seinem Blog-Post skizziert.

Ach, wie erbärmlich

Aber abseits rechtlicher Problemlagen gibt es auch eine Auseinandersetzung mit den Inhalten des GovData-Portals, die allen Interessierten auf kommunaler Ebene das Blut in den Adern gefrieren lassen könnte. Warum so dramatisch? Ganz einfach: weil die Diskussion um Open Data in vielen Kommunen gerade geführt wird und hierbei auch die Wortwahl im Detail Entscheidungen beeinflussen kann.

Worum geht es? Zitieren wir die OKFN:

 „Der wichtigste Kritikpunkt betrifft Umfang, Qualität und Relevanz der über das Portal bereitgestellten Daten. Dieser bleibt weit hinter allen Erwartungen zurück und ist – zurückhaltend gesagt, erbärmlich.“

Was hier nach Monaten relativer Ruhe wieder hochkocht, ist die Schnarchdaten-Theorie vergangener Tage. Es scheint, (nicht nur) der OKFN geht es nur um die „großen“ Dinge: Stromnetzpläne, Unterlagen zu Großprojekten den Stuttgarter Bahnhof, die Hamburger Elbphilharmonie oder den neuen Flughafen Berlin Brandenburg. Ist alles andere gleich „erbärmlich“, oder ist es nur „erbärmlich“, dass solche Daten fehlen? Klarstellung erwünscht!

Die zitierte Passage lässt darauf schließen, dass der aktuelle Datenbestand des Datenportals für Deutschland in Gänze kleingeredet wird. Dies kann zum Beispiel die Stadt Moers, die vielfach – sagen wir überspitzt – für ihre Open Data-Aktivitäten gefeiert wird, nicht wirklich freuen. Und alle Kommunen, die sich in Zeiten eines aufkeimenden Kulturwandels an Moers und den wenigen anderen kommunalen Datenbereitstellern in Deutschland orientieren, werden sich fragen, ob angesichts solcher Pauschalkritik das Wagnis Open Data angegangen werden soll.

Von der Elbe bis zum Hundekot

Aktuell ist es halt noch eine echte Aufgabe, mancherorts vielleicht auch ein Kampf, die Haushaltsdaten, Bevölkerungsdaten, Infrastrukturdaten und – ja, vielleicht auch die Daten zu den Hundekotbeutelspendern für ein kommunales Open Data-Portal aus dem Hause zu bekommen.

Insofern wäre es hilfreich, bei aller berechtigten Kritik an der Öffnungsstrategie deutscher Verwaltungen nicht nur auf die große Politik und überregional beachtete Initiativen zu schauen, sondern auch den bescheidenen Datensatz auch Wert zu schätzen. Im Zweifel mag eine Hundekotbeutel-App im lokalen Umfeld in Moers und anderswo mehr Resonanz erzeugen, als die Wirtschaftsdaten der Elbphilharmonie.

Ansonsten sollte man sich zeitnah einmal darüber Gedanken machen, wer über die Bedeutung von Datensätzen entscheidet. Dabei sollte man bedenken, dass Open Data nicht nur Bürgerinitiativen oder Datenjournalisten überregionaler Zeitungen zur Zielgruppe hat, sondern z.B. auch Wissenschaft oder einfach nur die Schule vor Ort, die mit Hilfe hochaktueller Daten aus der Heimatgemeinde einen Politikunterricht interessanter gestalten könnte, als mit veralteten Lehrbuchdaten.

Das Gewissen der Worte

Wenn man die große Politik beeinflussen und seine hehren Ziele durchsetzen möchte, muss man manchmal mit starken Worten das Maximale fordern. Man sollte aber immer auch bedenken, welche Wirkungen die Worte an anderen Stellen entfachen können. Wer also ein Interesse daran hat, nicht nur Bund und Länder zur Freigabe ihrer – nennen wir sie mal – „Hammerdaten“ zu bewegen, sondern auch eine breite Open Data-Initiative in den Kommunen loszutreten, solle seine Kritik mit Bedacht formulieren.

Mein Appell daher: Sprecht bitte nicht von Schnarchdaten, sondern erkennt den Wert jedes einzelnen Datensatzes in den Open Data-Portalen Deutschlands an! An dieser Maxime sollte sich auch die Wortwahl notweniger Kritik gerade von so wichtigen Organisationen wie die OKFN orientieren: der Blick ist nach oben, aber auch nach unten zu richten…

Eingereicht von auf 20. Juni 20139 Kommentare | 24.235 Aufrufe

9 Kommentare »

  • Moin Claus,

    danke dir für den Beitrag – ich stimme dir uneingeschränkt zu!

    Interessant dabei finde ich vor allem die interessante Verknüpfung der geäusserten Kritiken. Einerseits die (sicher wichtige und berechtigte) Kritik an den Lizenzen, andererseits die Kritik an Umfang, Qualität und Relevanz der Daten.

    Die Verknüpfung der beiden Kritiken erschließt sich mir nicht ganz. Die aus der Sicht der Nachnutzer der Daten „schlechten“ Lizenzen sind ja nicht zwingenderweise ein Hinderungsgrund für Bund, Länder und Kommunen ihre Daten zu veröffentlichen. Logischerweise ist es für diese nur dann zielführend, die Daten zu veröffentlichen wenn diese auch tatsächlich nachgenutzt werden, was durch die Lizenzen besser geregelt werden könnte.

    Mit dieser Pauschal-Keule („nur Mist auf dem Portal“) wird hier keine Motivation erreicht, eine etwas differenziertere Aussage wäre in der Tat hilfreicher.

  • Gestern haben Moers und Bochum ihr tolles OpenRIS (Ratsinformationssystem) vorgestellt. Ganz große Sahne.

    In Leipzig bei der „14. neuen Verwaltung“ habe ich den Vortrag von Hamburg zur Umsetzung des neuen Transparenzgesetzes gehört: über 80 IT-Systeme wurden identifiziert, deren Daten nach Umsetzung grundsätzlich immer (ohne Personenbezug, mit Sicherheit und ohne Geschäftsgeheimnisse) auch für die gewerblichen Töchter des Landes Hamburgs im Transparenzportal zu finden sei.

    In Düsseldorf war von Seiten der Arbeitsgruppe der Landesregierung zu hören, dass dem GovData-Portal wichtige Eigenschaften fehlen. Z.B. wird kein Ortsschlüssel geführt.

    Und da fängt die berechtigte Kritik an. Ich habe zum Beispiel in http://wk-blog.wolfgang-ksoll.de/2013/01/07/open-data-die-nachste-runde/ dargestellt, welche Informationen hunderttausende umziehende Bundesbürger über Kindergärten/Kitas suchen.

    Macht man dann das Experiment auf daten.berlin.de und sucht nach Kindergärten, dann hat man folgendes Ergebnis auf dem diese Woche regelaunchten Portal:
    1.) Kindergärten gibt es gar nicht. Mit Kitas wird man fündig
    2.) Nicht alle Berliner Bezirke sind vertreten, sondern nur Lichtenberg
    3.) Die Fundstelle wirft dann viele 404-Seiten, da das Angebot umgezogen ist.
    4.) Die Spiegelung der ehemals in Berlin vorhandenen Daten findet man auf Govdata.de nicht unter „Kindertagesstätten“ sondern unter „Lichtenberg“ „Einrichtungen und Projekte für Kinder, Jugendliche und Familien“ (Es wurde also nicht nur ein Ortsschlüssel vergessen, wie das Innenministerium NRW feststellte, sondern auch eine vernünftige Taxonomie).
    5.) Schaut man sich dann z.B. die Excel-Datei an für Lichtenberg, geht es nur wenig über Postanschrift und Telefonnummer hinaus.

    Das ist erbärmlich.

    Warum soll man da nach so langer Zeit noch nicht weiter ist, ist ein Rätsel. Aber es darf durchaus öffentlich Kritik daran geübt werden, wie es die OKFD berechtigt getan hat.

    In den letzten Tagen ist ja noch ein anderer Aspekt dazugekommen:
    – wir haben 45 Mio DM vom BMWi für MEDIA@komm ausgegeben mit qualvollem Ergebnis
    – wir haben 500 Mio € für bewaffnete Drohnen weggeschmissen, die angeblich zur Verteidigung verwendet werden sollten, aber nicht mal in die Nähe einer Genehmigung kommen
    – Merkel will 100 Mio € dafür ausgeben, dass der BND ohne Verdacht wie die Stasi die gesamte deutsche Bevölkerung beschnüffelt, als wenn sie es darauf anlegte, die BRD wie die DDR mit Stasi-Methoden zu zersetzen und zerstören wie 1989
    – gleichzeitig verhöhnt sie zigtausend Mitarbeiter im öffentlichen Dienst die seit bis zu 25 Jahren in der Verwaltung das Internet nutzen, dass für uns alle das Internet Neuland sei.
    Sie fördert mit massivem Finanzaufwand die Tradition von Gestapo, Stasi, KGB, NSA, BND und weigert sich beharrlich, der Open Government Partnership beizutreten und für Abgeordnete Korruption unter Strafe zu stellen.

    Der Bürger soll transparent werden und der Privatheit beraubt werden, aber der Staat soll intransparent bleiben. Das ist Merkels Neuland-Mantra.

    Da ist es nicht verwunderlich, dass das Ergebnis oben erbärmlich ist. Und engagierte Städte wie Moers, Köln, Bochum, Hamburg, Ulm, u.a. können gegen diese gegen die Bürger gerichtete Bundespolitik alleine nicht an. Wir müssen zu diesen Leuchttürmen auch Seewege, Schiffe, Passagiere, Fracht, Seeleute hinzufügen. Wenn wir da nicht endlich aus dem Knick kommen, fallen wir in Deutschland immer weiter zurück, wenn wir in der IT nicht mal das bieten können, was schon Brasilien oder schwarzafrikanische Staaten gebacken bekommen.

    Da hilft auch kein Appeasement. Hat bei den Deutschen nie geholfen. Kritik muss da, wo sie berechtigt ist, auf den Tisch und abgearbeitet werden. Open Data und Open Governemnt muss endlich auch in der Bundesrepublik Deutschland stattfinden und nicht nur in ein paar wenigen begeisterten und begeisternden Kommunen.

    „Yes we can“ statt Merkelsches „Yes we scan im Neuland“

    Bei der Auswahl der Daten hast Du natürlich recht. Die Kommunen sind kein kostenloser Servicebetrieb für kommerziellen Datenjournalismus. Hamburg zeigt mit seinem Transparenzgesetz einen möglichen Weg: alles muss raus. Als Default. Aber auch selbst dabei muss man messen. Wenn die Bürger klar sagen, wir wollen nur Hundekackbeutelstandortkarten, aber keine Informationen über kostenintensive kommunale und staatlich Einrichtungen, dann muss man das bedienen. Dann aber muss man die Bürger auch fragen und nicht nur Gegentheologien postulieren. Der Nutzen für Bürger und Wirtschaft muss evaluiert werden. Aber selbst damit haben wir noch nicht angefangen, während in England die Regierung ihrer Majestät der Königin 5 Millionen Pfund für einen Incubator investiert, um Startups zu backen, die selbsttragende Geschäftsmodelle für Open Data suchen. Aber wir investieren auf Bundesebene nur massive in die Bespitzlung und militärische Bekämpfung der Bevölkerung mit bewaffneten Drohnen.

    Ich freue mich schon auf die ersten Messungen, was die Leute bei http://openruhr.de/ sich von Moers und Bochum angesehen haben.

    P.S.: Und da ich jetzt selbst auf den Hund gekommen bin, habe ich jetzt auch empirische Sachkunde bei Hundekackbeuteln, und gleich mein Votum: ich brauche für Berlin keine Hundekackbeutelstandortkarten. Ich weiß wo man die kauft und habe welche.

  • Vielen Dank für den Beitrag, Claus.

    Ich muss auch sagen, dass mir die Diskussionen rund um Open X – gerade aktuell um Open Data – oftmals zu ideologisch und fatalistisch geführt werden. Es wird oft verkannt oder klein geredet, dass auch zaghafte, kleine Schritte zumindest Fortschritte, Bewegung bedeuten. Ich stimme auch zu, dass dies den einen oder anderen in Entscheider oder Influencer in der Verwaltung abschrecken kann, die Sache in Angriff zu nehmen und zumindest eben die ersten, kleinen Schritte zu gehen, weil das Echo der Community gefürchtet wird. Es sollten sich also alle die Frage stellen, ob man, haut man nicht angemessen reflektiert einfach drauf, der Sache wirklich dient oder vielleicht doch das eine oder andere zarte Pflänzchen schon erschlägt, bevor es eine Chance hatte, zu wachsen und die – strategisch ja von allen ersehnten – Früchte zu tragen.

    Beste Grüße,
    Oliver

  • Tut mir leid, aber ich kann mich dem Artikel nicht anschliessen. Zwar fand ich persönlich die Negativ-Kampagne zum GovData-Launch nicht durchweg gelungen und habe sie daher nicht gezeichnet, aber Deine Argumentation hier ist schwach.

    Dein Text ist im Kern ein Rückgriff auf das Argument, dass zivilgesellschaftliche und journalistische Akteure nicht im Stande seien, institutionelle Transformationsprozesse zu erkennen – und diesen daher durch naive Forderungen schaden.

    Diese Forderung nach Demut vorm Apparat, „den bescheidenen Datensatz auch Wert zu schätzen“, hat aber Nebenwirkungen. Sie versetzt die Institution in eine großväterliche Richterposition in der es ihr überlassen ist, zwischen legitimen und kindlich-naiven Forderungen zu unterscheiden. Damit lassen sich großartig Debatten canceln. Als Aktivist wird man mit dem Anspruch konfrontiert, sich entweder in bestehende Debatten zur Verwaltungsmodernisierung einzuklinken – oder abzuhauen.

    Verwaltungsmodernisierung ist nicht mein Geschäft, ich mache digitale Öffentlichkeit. Das heißt nicht, dass ich blind bin, was insitutionelle Transformationen angeht. Sie sind aber nicht wirklich mein Problem. Die Trägheit eines Ministeriums kann nicht Maßstab meines Handelns sein. Als Coder kann ich Angebote zur Kooperation machen. Die werden umso wahrscheinlicher abgelehnt, je konkreter sie sind. Deshalb versuche ich es bei neueren Projekten oft schon gar nicht mehr.

    Das Ziel einer Open Data-Initiative sollte sein, einen Kontakt zwischen Datenhaltern und Datennutzern anzubahnen. So lässt sich ermitteln, welche Veröffentlichungen wirklich nutzenbringend und relevant sein können. Solche Vernetzung kann in formellen, oft aber noch besser in informellen Settings stattfinden. Dass respektvoller Umsatz dafür eine Voraussetzung ist, steht ausser Frage. Dazu gehört aber auch, Verarsche und Hinhaltung nicht als Professionalismus zu verbrämen.

    Richtig eingesetzt können Datenportale und Lizenzmodelle in solchen Prozessen als Werkzeuge dienen. Man kann sie aber auch als Ersatzhandlung einsetzen, frei nach dem Motto „Metadatenstandards statt Transparenz“, „Mein Lizenzentwurf ist toller als der internationale Konsens“ etc. Schwupps wird aus Open Government wieder Verwaltungsmodernisierungsnabelschau ohne Link zur Realität.

    Ich kann die Aktivitäten der Stadt Moers in dieser Hinsicht nicht beurteilen, ehrlich gesagt weiß ich immer noch nicht wirklich wo das liegt. Dass das GovData-Portal in dieser Hinsicht aber den falschen Weg eingeschlagen hat, kann glaube ich als unstrittig gelten. Mir ist keine andere Open Data-Initiative im internationalen Umfeld bekannt, die derart entgleist ist. Fälle wie die USA und Brasilien beweisen, dass Föderalismus als Ausrede auch
    nicht taugt.

  • Claus Arndt sagt:

    Nun, was soll ich sagen? Zwischen der Aussage, meine Kritik sei schwach und dem unverhohlenen Hinweis auf die provinzielle Herkunft des Urhebers stecken einige Fehlinterpretationen und Missverständnisse. Kurz zu Moers: Die Stadt am westlichen Rand der Republik findet man auch auf der OSM! Manche würde Moers vielleicht als „das kleine gallische Dorf“ auf der Open Data-Deutschlandkarte bezeichnen, aber das würde dem aktuellen Stand der Dinge nicht gerecht, gibt es doch noch ein paar andere Dörfer, die uns das Alleinstellungsmerkmal der Asterix-Gemeinde streitig machen…

    Aber gut, der Fingerzeig im letzten Absatz deines Beitrages weist schon in die richtige Richtung: Es geht um die große Politik, um die „großartige Debatte“, um die ganz großen Daten! Es geht nicht um die Gedanken von Vertretern des „Apparates“ in den Amtsstuben gallischer Dörfer, die vom Berliner Radar gar nicht erst erfasst werden.

    Dennoch ein paar Dinge zur Klarstellung:

    Mit meinem Beitrag sollte eine Debatte angestoßen,nicht „gecancelt“ werden.

    Die Trägheit einer (meiner) Behörde ist nicht der Maßstab meines Handelns. Aus diesem Grunde gibt es in Moers auch schon ein Open Data-Angebot – weit vor einem Transparenzgesetz, das uns dazu zwingen würde (und das ich gerne in NRW hätte).

    Missverständnis: Mein Argument sollte nicht die Institution in eine großväterliche Richterposition versetzen. Genau das Gegenteil prangere ich an: Der OKFN-Artikel kennzeichnet – bleiben wir im Bild – die pubertäre Richterposition der Enkel. Die Enkel sagen doch in der aktuellen Debatte, was gut ist und was „erbärmlich“. Ich sage, ganz unrichterlich, dass beides gut ist und liege damit doch eigentlich genau in der Linie all derer, die per Transparenzgesetz ein „open by default“ fordern!

    Und das ist ein Punkt, der mir wichtig ist: Wer zwischen erbärmlichen Daten und wichtigen Daten trennt, sollte sich überlegen, ob man in den kommenden Transparenzgesetzen nicht auch ganz klar differenziert und den Behörden viel Aufwand und Kosten erspart, diese erbärmlichen Daten in die Portale zu laden.

    Was mich geärgert hat, war die kindlich-naive Formulierung einer legitimen Forderung. Ich hoffe, dass hinter dem sprachliche Missgriff nicht auch eine elitäre Vorstellung von den einzig guten Daten steckt. Und wenn ja, dann sollte man es auch klarstellen und die Konsequenzen bedenken. Aus Sicht der zahlreichen kleinen Kommunen in Deutschland, die viele der – nennen wir sie -Hammerdaten gar nicht haben, ist dies auch eine legitime Forderung, wie ich meine.

  • Zwei kurze Bemerkungen:
    1.) Jörn Riedel, CIO der Freien und Hansestadt Hamburg, hat die Umsetzung des dortigen Transparenzgesetzes in öffentliche Folien gegossen:
    http://www.fachkongress-itplr.de/documents/Joern_Riedel.pptx‎
    Als Berliner und Rumelner (ehemals Landkreis Moers) kann ich nur sagen:
    Völker der Welt: Schaut auf diese Stadt! (Frei nach Ernst Reuter)

    2.) Eine Sache, die mir unverständlich ist, warum Mitarbeiter der Firma CSC hier bei Open Data das hohe Lied der kleinen Schritte, wegen des Kulturwandels singen, während sie sonst bei Open Citizen ratzfatz Milliarden schwer umsetzen können (> 2 Mrd $ bei NSA in 2001):
    http://fcw.com/articles/2001/08/06/csc-nsa-get-down-to-business.aspx

    Zum Kulturwandel meinte die Projektleiterin aus Hamburg in Leipzig neulich: „Ja, in manchen Behörden fragte man uns: Ihr meint das doch jetzt nicht ernst, oder?“ Aber sie meinten es ernst. Frei nach Aristoteles: Dass da gehandelt wird, und nicht erzählt. (Poetik, Tragödie, nein es gibt keine zweiten Teil für die Komödie, das war von Umberto Eco im „Namen der Rose“ erfunden 😉

    Für Friedrich Lindenberg:
    Moers ist nordwestlich von Rumeln. Nördlich von Krefeld, westlich von Duisburg, östlich von Venlo/Niederlande, östlich von Kamp-Lintfort. Im Gegensatz zu den östlichen Landesteilen (also ab Oberhausen-Dortmund-Kamenener Kreuz) ist Moers seit über 2000 Jahren mit abendländischer Hochkultur vertraut, was wesentlich an der Besatzung durch die Römer lag (Asciburgium war das letzte Lager vor Xanten, wo Varus hin wollte, als er von den Waldbewohnern des Teutoburger Waldes, die keine Schriftkultur pflegten (closed data) im Jahre 9 nach Christus aufgerieben wurde. Moers ist die größte Stadt Deutschlands, die weder kreisfrei noch Sitz eines Kreises ist. Im Westen (bis in die USA) ist das dortige Jazzfestival berühmt.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Moers
    Der Charakter des Niederrheiners ist von dem Moerser Heinz-Dieter Hüsch auf YouTube für die Internet Natives erklärt. Die Neuländer haben ihn vielleicht im Kabarett genossen 🙂

  • Elmar Burke sagt:

    Getreu dem Motto Es gibt keine falschen Fragen sollte es auch keine falschen Daten geben. Von erbärmlichen Daten zu sprechen ist in jeglicher Hinsicht falsch und nicht zielführend.

    Sicherlich gibt es Daten, die für einige Datennutzer besonders Interessant sind und daher besonders schnell genutzt werden. Bei Verkehrsdaten erkennt man das ganz gut. Doch ist nicht einer der Argumente, das die Kreativität der Datennutzer die Daten erst interessant machen? Wie kann sich nun jemand anmaßen der Datennutzer zu sein? Sollte es nicht der Bürgerschaft überlassen bleiben, Daten spannend zu finden?

    Mir stellt sich die Frage nach der Zielgruppe eines kommunalen Open Data-Portals. Wenn es einige wenige App-Entwickler aus dem hippen Berlin oder dem coolen Köln sind, dann kann Moers das Portal heute schließen. Der Ruf nach Transparenz stammt aber nicht von diesen App-Entwicklern, die vielleicht sogar ein finanzielles Interesse haben, sondern aus der bürgerlichen Mitte; von Initiativen wie Mehr Demokratie oder OpenRuhr.

  • Vielen Dank für die zahlreichen Informationen zur Stadt Moers, auch wenn ich eigentlich nur ausdrücken wollte, dass ich mir nicht anmaße, die dortige Initiative zu beurteilen. Super ist auch, dass wir festgestellt haben dass der Begriff „legitim“ neben seiner umgangssprachlichen Bedeutung auch eine technische hat und dass man mir daraus einen Strick drehen kann. Hilfreich.

    Ich finde es wenig sinnvoll, eine Debatte darüber loszustossen, wer hier „für das Volk“ spricht und damit den wahren Datenanspruch der Öffentlichkeit vertritt. Ich bin grade in den USA, und diese Debatte erinnert mich ein wenig an die „real Americans“.

    Was die „erbärmlichen“ Daten angeht, vielleicht dennoch so viel: im GovData-Portal befinden sich meines Wissens keine Daten des Bundes, die nicht zuvor bereits verfügbar waren. Bei den Daten des Statistischen Bundesamtes haben sich die Nutzungsbedingungen sogar verschlechtert (CC-BY zu DD-BY).

    Seit dem Launch gab es eine nennenswerte Freigabe: die Verwaltungsgrenzen des BKG. Wir dürfen jetzt also legal administrative Karten von Deutschland machen, auch wenn historische Daten (also die vor 2011) weiterhin kostenpflichtig aus dem Archiv gefischt werden müssen. Ob das erbärmlich ist, sei dahingestellt. Dass das nach zwei Jahren Debatte und Entwicklung rund um das Open Government-Projekt des BMI allerdings ein großer Erfolg ist, wird kaum jemand behaupten.

    Vielleicht noch eine kurze Anmerkung zu dem berühmten Hundekot. Eine nennenswerte Zahl der freigegebenen Datensätze behandeln Dienstleistungsangebote der Verwaltung, seien es Schulen, Spielplätze oder eben Hundekotbehälter.

    Das erste Problem damit ist, dass es wenig Sinn macht, den Aufwand für eine App oder eine eigene Webseite zu betreiben nur um einen Spreadsheet mit 20 Schulen zu mappen. Die wird sich auch niemand merken oder gar installieren – man surft da einmal vorbei, wenn man es dann wirklich braucht hat man es längst vergessen und versucht sein Glück auf Google Maps.

    So entstehen vielleicht einige Hackday-Prototypen, aber es gibt einfach wenig Anlass sie nachhaltig zu entwickeln – schon gar keinen kommerziellen. Eine Behördendienste-App nur für Moers macht keinen Sinn, auf Landes- oder Bundesebene sieht das anders aus. Das ist keine Städter-Arroganz (ich wohne nebenbei in Hamburg, nicht Berlin) sondern einfach Kosten/Nutzen. Hier wäre es hilfreich, eine Diskussion über ein einfaches Datenformat zu beginnen, damit man solche Daten in einem sinnvollen Umfang gemeinsam verarbeiten kann.

    Das andere Problem ist, dass diese Daten im Wesentlichen nur geeignet sind, Werbeprospekte zu schaffen: relativ informationsarme Seiten die auf Dienste hinweisen – letztlich gibt es aber keinen Grund warum eine Gemeinde diese Marker nicht einfach selbst auf der eigenen Seite präsentieren sollte. Sinnvoll wäre daher die umfassende Bereitstellung von Informationen auch zur Leistungsqualität und Leistungsumfang – sei es die Berliner Ekelliste oder einfach die Abschlussergebnisse der örtlichen Schulen. Dann können Angebote anfangen, Bürgern wirklich Informationen anzubieten die zur Entscheidungsfindung beitragen.

  • Claus Arndt sagt:

    Danke für deinen Nachschlag, der manches erhellt und dem ich wirklich in vielen Punkten folgen kann.

    Mir ging es nicht um eine Debatte darüber, „wer hier “für das Volk” spricht und damit den wahren Datenanspruch der Öffentlichkeit vertritt.“ Ich beobachte nur, dass vielerorts die Forderung nach Transparenzgesetzen erhoben wird, in denen eine umfassende Veröffentlichspflicht für sämtliche Daten der Behörden gefordert werden. Wenn in einer solchen Situation eine der wichtigsten Organisationen (die wichtigste Organisation?), die sich dankenswerterweise für Open Data in Deutschand stark machen, zu einer solch irritierenden Diffamierung von Datenbeständen greift, um – ja – legitime Ziele zu pushen, muss doch die kritische Nachfrage erlaubt sein, wie man das den Bitte zu verstehen hat. Daher mein Ruf nach Klarstellung.

    Der Rest ist dann nur noch von der Sorge getragen, wie solche Äußerungen in der Behördenlandschaft ankommen. Man mag diese Reaktionen verstehen, belächeln oder verteufeln, aber man kann sie nicht wegfegen. Gerade in einer Zeit, in der wir noch über ein freiwilliges Engagement sprechen (und dies in Zeiten knapper Kassen, in der im ganzen freiwilligen Bereich Kahlschlag betrieben wird), sollte man die Wirkungen seiner Worte bedenken. Moers macht es jedenfalls, wenn auch auf bescheidenem Niveau, freiwillig, und ich begegne in vielen Gesprächen mit Kollegen aus anderen und zum Teil viel kleineren Kommunen einer großen Unsicherheit, ja Skepsis. Wie soll man diese Leute zum jetzigen (gesetzlosen) Zeitpunkt ins Open Data-Boot holen und damit den bescheidenen Daten-Flickenteppich aufzupeppen, wenn einerseits von Bund und Land keine starken Signale und andererseits von der Community vielleicht die falschen Signale kommen?

    In Moers gab es übrigens ca. die Hälfte der Daten vorher noch nicht online, nicht einen Datensatz in einem maschinenlesbaren offenen Format und unter einen freien Lizenz. Ein bisschen ist also passiert, und die nächsten Datensätze sind in der Pipeline. Es wäre schön, wenn schnell viele weitere Behörden nachlegen…

  • […] und entsprechende Angebote einfordert (über das ärgerliche Thema „Schnarchdaten“ habe ich an anderer Stelle schon […]

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