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Nationaler Aktionsplan Open Data: Bericht vom Meilenstein-Workshop

1. Februar 2015 – 13:31 | Kein Kommentar | 10.975 Aufrufe

Die Bundesregierung hat im Juni 2013 die Open Data Charta der G8 unterzeichnet und sich damit zu konkreten Handlungsschritten verpflichtet. Mit einiger Verspätung wurde nun ein Aktionsplan Open Data unter Federführung des BMI entworfen, der diese …

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‚Bezaubernde Jeannie‘: Anliegenmanagement in Deutschland


Immer häufiger gehen die öffentlichen Verwaltungen in Deutschland auch virtuell auf ihre Bürger zu. Unter dem sperrigen Begriff Anliegenmanagement tummeln sich mittlerweile vielfältige Angebote. Wir sprachen hierüber mit den Entwicklern Holger Kreis (Mark-a-Spot.de), Stefan Strauß (SchlaglochAlarm.de) und Frank Schiersner (maerker.brandenburg.de).

Government 2.0 Netzwerk: Gleich Mal praktisch gefragt: Haben Sie ein Tablet und wie nutzen Sie es?

Kreis: Ich habe eigentlich immer meinen Laptop dabei und mein Smartphone in der Hosentasche. Das Tablet wird sich wohl ziemlich vernachlässigt fühlen.

Strauß: Ich habe sogar zwei. Und in Kürze kommt noch ein iPad mini dazu. Ich benutze sie privat hauptsächlich zum Surfen und Zeitung lesen. Und beruflich natürlich zum Testen und Entwickeln neuer Apps.

Schiersner: Ich habe seit kurzem ein 8-Zoll Android Tablet zum Lesen meiner E-Mails und RSS-Feeds. Aber neulich hatten meine Frau und ich Freunde zum Abendessen und sprachen über alte Filme und Serien. Es war schon interessant, wie selbstverständlich das Tablet von Hand zu Hand ging, um Wissenslücken zu schließen: Wie hieß denn nun ‚Bezaubernde Jeannie‘ im Original?

Government 2.0 Netzwerk: Bleiben wir doch gleich bei „wie aus dem Nichts erschienen“: Wie kamen Sie auf die Idee zu Ihren Projekten?

Schiersner: Das Innenministerium Brandenburg und der Städte- und Gemeindebund hatten zwischen 2005 und 2009 einen jährlichen Wettbewerb, um die Internetangebote der Kommunen zu fördern. Dabei stellten wir uns 2008 auch die Frage, wie ein guter Bürgerdienst im Internet aussehen könnte. Im Juni kam eine Kollegin zu mir und zeigte mir fixmystreet.com. So etwas wollten wir auch, aber nur gemeinsam mit unseren Kommunen.

Kreis: Bei mir kam es eigentlich aus der Laune heraus, weil in meinem früheren Tätigkeitsbereich im klassischen E-Government keine wirklich innovativen Entwicklungen in Sicht waren. Der Blick auf die Insel und nach Brandenburg änderte das schnell und ich richtete meinen Fokus auf Open Government. Dies führte zur Entwicklung von Mark-a-Spot, mit der Idee, eine Open Source Lösung auf den konzeptionellen Ideen von maerker.brandenburg.de zu entwickeln.

Strauß: Die Idee zu SchlaglochAlarm kam mir, als ich im Winter 2010 eines der zahlreichen Schlaglöcher erwischte und mir dabei die Felge ramponierte. Ich machte ein Foto von dem Schlagloch mit meinem Smartphone und markierte die Stelle in Google-Maps, um sie später an die Behörde zu schicken. „Welche Behörde ist hier eigentlich zuständig?“ dachte ich noch in der Kälte stehend und wünschte mir es gäbe einen Button „Behörde ermitteln und informieren“ auf meinem Display. Das war die Geburtsstunde der SchlaglochAlarm-App.

 

Government 2.0 Netzwerk: Wie ist der aktuelle Stand Ihrer Angebote?

Strauß: Unsere Nutzerzahlen und die Meldungen steigen stetig und wir bekommen über unsere Feedback-Funktion regelmäßig Bestnoten für die Idee und die einfache Bedienung. Die Behörden reagieren in der Regel schnell und machen zunehmend Gebrauch von unserem kostenlosen Benachrichtigungssystem, mit dem der Erfasser der Meldung per E-Mail über den aktuellen Status der Bearbeitung informiert werden kann. Das kommt bei den Benutzern gut an, weil sie merken, dass wirklich etwas passiert.

Kreis: Wir haben mit der Einführung unserer Plattform in der Bundesstadt Bonn einen großen Schritt nach vorne getan und wichtige Erfahrungen sammeln können. Dazu gehört auch, dass die Einführung eines transparenten Anliegenmanagements vielleicht zu 30 Prozent eine technische Herausforderung und zu 70 Prozent aus organisatorische Maßnahmen und einem guten Change-Management besteht. Viele Kernprozesse der kommunalen Leistungserstellung werden zum einen komplett digitalisiert und zum anderen das erste Mal in der Öffentlichkeit dargestellt. Eine lesson learned ist also, dass eine innovative Organisationsberatung oder Abteilung von Beginn an zu beteiligen ist.

Schiersner: Der Maerker wird heute von fast 50 Kommunen in Brandenburg genutzt. In Berlin hat der Bezirk Lichtenberg bei einem Test so gute Erfahrungen gesammelt, dass nun auch die Mehrheit der anderen Bezirke Maerker einsetzen wird.

 

Government 2.0 Netzwerk: Wohin sollte sich E-Government in Deutschland bewegen?

Kreis: Ich finde eine Entwicklung zu mehr Offenheit und Transparenz wünschenswert. Das gilt auch für die Zusammenarbeit zwischen allen Akteuren; nicht nur beim  Crowdsourcing, wie in unseren Anliegenmanagement-Systemen. Für mich zählt dazu auch die konsequente Fortführung des einheitlichen und koordinierenden Ansprechpartners, wie es durch die EU-DLR angedacht war. Außerdem plädiere ich immer für die Vertiefung und Verbreiterung der Services, die über die D115 angeboten werden.

Strauß: Ein wichtiger Punkt beim Thema E-Government ist für mich das Thema Datenschutz und Datensicherheit. Die Bürgerinnen und Bürger müssen Vertrauen in die Dienste haben und das wird nur gelingen, wenn man plausibel macht, dass ihre sensiblen persönlichen Daten gut geschützt sind und nicht missbräuchlich verwendet werden. Wir sind in Deutschland da bereits auf einem guten Weg und sollten diesen Kurs fortsetzen.

Schiersner: Ich persönlich finde, dass hier mehr de-reguliert werden muss: Wenn ich eine qualifizierte Signatur brauche, um bei meiner Kommune online eine Gelbe Tonne zu ordern, läuft was schief.

 

Government 2.0 Netzwerk: Ist Open Government also ein Thema bei den anstehenden Bundestagswahlen?

Strauß: Angesichts der Euro-Krise und der damit verbundenen Sorgen um Arbeitsplatz und Rente, wird das Thema Open Government vermutlich nur eine untergeordnete Rolle für die großen Parteien spielen. Kleinere Parteien könnten jedoch durch die Thematisierung von Open Government ihr Profil schärfen, um sich noch mehr als Alternative zu den etablierten Parteien zu präsentieren.

Schiersner: Das sehe ich auch so.

 

Government 2.0 Netzwerk: Und wie gehen Sie damit um, dass mobile Endgeräte künftig den Markt bestimmen?

Strauß: Da SchlaglochAlarm von Anfang an als mobile App konzipiert war, ist das für uns natürlich eine sehr positive und auch erwartete Entwicklung. Unsere Android-App war damals eine der ersten in diesem Bereich und wurde seitdem in diversen Portalen mit „sehr gut“ bewertet. Derzeit arbeiten wir gerade an den Versionen für iPhone und Windows Phone, um den Nutzerkreis weiter auszubauen. Da auch andere Anbieter und Behörden immer mehr auf das Thema „Mobile“ setzen, bieten wir unsere App auch als Whitelabel-Lösung an, mit entsprechender Anpassung an die Meldungskategorien und Schnittstellen des verwendeten Anliegemanagament- oder GIS-Systems.

Schiersner: Für Maerker gibt es eine iOS-App, eine Android-App wäre wegen der starken Marktanteile von Android wünschenswert, aber hierzu gibt es noch keine Planungen.

Kreis: Eine eigene Smartphone-Komponente wird auch bald bei der Stadt Bonn zum Einsatz kommen. Mark-a-Spot unterstützt den internationalen Open311 Standard und kann von anderen Komponenten direkt angesprochen werden. Dazu gehören CRM-Systeme im Callcenter und vor allem auch mobile Anwendungen. Neben der eigenen App der Stadt, wird das Anliegenmagement der Stadt Bonn über die Open311-Schnittstelle bald direkt in der GeoReporter App auswählbar sein, mit der Anliegen gemeldet werden können.

 

Government 2.0 Netzwerk: … was heißt Open311?

Kreis: Es handelt sich hierbei um einen offenen Kommunikationsstandard für öffentliche Anliegen, man könnte sagen für ein „Bugtracking“ im städtischen Raum. Interessant ist dieser Standard auch für Open-Data Anwendungen, da sämtliche Anliegen maschinenlesbar ausgewertet werden können. Bonn ist die erste europäische Kommune, die ein System dieser Art betreibt.

 

Government 2.0 Netzwerk: Stichwort demografischer Wandel, knappe Kommunalbudgets: Wird sich das Anliegenmanagement mittelfristig sich zu einem System wandeln, bei dem Bürger ein Anliegen melden können und andere Bürger, NGO, Initiativen oder Unternehmen vor Ort den Mangel beseitigen?

Kreis: Dahin muss die Entwicklung gehen. Neben der Herausforderung, dass die Kommunen diese Akteure überhaupt erstmal motivieren müssen, braucht es hierfür den oft beschworenen Kulturwandel, nicht öffentliche Akteure an der Leistungserstellung teilhaben zu lassen und in Verwaltungsprozesse zu integrieren.

Schiersner: Das hat es beim Maerker schon gegeben, dass das Grünflächenamt zu spät kam, weil aufmerksame Bürger einen Maerker-Hinweis gelesen und selbst bearbeitet haben. Das könnte technisch schon gefördert werden; zum Beispiel mit einer Kommentarfunktion. Aber damit steigt dann natürlich auch wieder der Betreuungsaufwand.

Strauß: Ich denke der Service-Aspekt und die Bürgerorientierung sind zentrale Themen, die beim Anliegenmanagement in den nächsten Jahren eine stark wachsende Bedeutung haben werden. Insbesondere das einfache ortsbezogene Melden von Anliegen über Smartphones und das schnelle Kommunizieren des Bearbeitungsstatus seitens der Behörden, wird in wenigen Jahren zum Standard werden, sozusagen praktiziertes Open Government. Aber dass die Verwaltungen die Verantwortlichkeiten für Ihre Bereiche freigeben und Anliegen von Privatpersonen oder Initiativen bearbeiten lassen, halte ich mittelfristig für sehr unwahrscheinlich.

 

Government 2.0 Netzwerk: Was wünschen Sie sich denn in Zukunft von den Behörden?

Schiersner: Etwas mehr Mut, die neuen Möglichkeiten auch zu nutzen. Ein aktives Internet-Angebot ist ein Standortvorteil.

Strauss: Ich wünsche mir, dass die Akzeptanz bei den Behörden für die Nutzung von Anliegemanagement-Systemen weiter steigt und die vielen Vorteile für die Behörden in Bezug auf Bürgernähe und Transparenz erkannt werden. Die positiven Erfahrungen vom Maerker aus Brandenburg und Berlin tragen hoffentlich dazu bei, diesen Prozess bundesweit weiter zu beschleunigen.

Kreis: Ich schließe mich meinen Vorrednern an, mehr Mut, aber auch das Vorantreiben von Innovationen und größere Schritte beim Open Government wären gut für die kommunale Landschaft.

Government 2.0 Netzwerk: Wir danken Ihnen für das Gespräch.

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Frank Schiersner leitet seit dem Jahr 2000 die Webredaktion des Innenministeriums Brandenburg. Neben dem Landes-Intranet wird hier auch das Service-Portal des Landes verantwortet, dessen bekannteste Komponente die Anwendung Maerker ist. Im Jahr 2010 wurde Maerker beim Deutschen E-Government-Wettbewerb mit dem 1. Preis in der Kategorie „Innovativstes eGovernment-Projekt für gesellschaftliche Lösungen“ ausgezeichnet. Im selben Jahr wurde Frank Schiersner vom Government 2.0 Netzwerk Deutschland als Open Government Hero nominiert. Neben Anwendungen aus dem Bereich eBürgerdienste gilt sein Interesse der Barrierefreiheit im Internet.

Holger Kreis arbeitet in der Softwareentwicklung der Stadt Köln und als freiberuflicher Entwickler und Berater.

Stefan Strauß begann seine IT-Laufbahn 1986 mit einem Schneider CPC 464 und einem 2-zeiligen Basic-Programm. Etwa 16 Jahre später besaß er bereits ein iPAQ (mit „Q“) und entwickelte damit den „Mobile Berlin City Guide“ im Rahmen seiner Diplomarbeit (Berlocator.de). Trotz wegweisender Features, wie einer scrollbaren Map und Wo-sind-meine-Freunde-Anzeige, gab es damals keinen Markt dafür. Das änderte sich zum Glück und 2009 gründete er seine eigene App-Schmiede, die wobdu UG.

 

Eingereicht von auf 21. Januar 2013Ein Kommentar | 9.608 Aufrufe

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